Ein Zeichen für Langsamkeit

Anja-Alexandra Kaufhold greift meistens zum Zeichenstift, um auszudrücken, was in ihr ist.  Als  Mitglied im Künstlerbund Dresden hat sie jetzt bereits zum zweiten Mal zu einer Geh-Performance eingeladen, die vom Neustädter Markt in Dresden die Hauptstraße hoch führte – also gleich um die Ecke unserer Geschäftsstelle.

Nach dem Motto „Jetzt ist Immer“ beinhaltet das Konzept absichtsloses Bewegen im öffentlichen Raum mit dem Zweck ein Zeichen für Langsamkeit zu setzen.

Das sei für alle eine besondere Erfahrung gewesen,  berichtet sie und fügt hinzu:  „Dieses langsame, bewusste Gehen ist auch für die Zuschauer eine Herausforderung, besonders für die Menschen, die auf den Bänken ein schattiges Plätzchen gefunden hatten.“

Die Geh-Performance wird über unseren Mitglieder:Fördertopf (via Anmeldung im Internen Mitgliederbereich) mit angeschoben. Interessierte können sich den Terminen im September und Dezember anschließen. Wir berichten!

Fotos: Chris Wagner

Dieses Projekt wird unterstützt mit Mitteln aus dem „Kreativ Booster“-Matchingfonds von Wir gestalten Dresden – Branchenverband der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft e. V. und dem Amt für Kultur und Denkmalschutz der Landeshauptstadt Dresden.

 

Applaus ist keine Währung

Dresden steht vor der Wahl der neuen Stadtspitze. Am 12. Juni entscheiden die Wähler über die Oberbürgermeisterin oder den Oberbürgermeister. Die DNN haben Akteure aus der Gesellschaft befragt, welche Erwartungen sie an das nächste Stadtoberhaupt haben. Heute: Torsten Rommel, Geschäftsführer des Künstlerbundes Dresden und Sprecher für die Bildende Kunst im Netzwerk Kultur Dresden, einem Zusammenschluss der freien Szene.

DNN: Dem Blick voraus will ich einen Blick zurück voranstellen. Welches Fazit gibt es zu den vergangenen Jahren mit OB Dirk Hilbert, mit Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch und dem Stadtrat aus Sicht des Künstlerbundes? Was hat sich getan, was nicht?
Torsten Rommel: Die Arbeit von Frau Klepsch wird von vielen Akteuren der Kunst- und Kulturschaffenden wertgeschätzt, insbesondere auch innerhalb der freien Szene. Sie ist interessiert an unserer Arbeit und engagiert, die notwendigen Verbesserungen unserer Rahmenbedingungen anzuschieben. Ihr vorgelegtes Konzeptpapier „Fair in Dresden 2025“ nimmt Forderungen des Netzwerks Kultur auf und sieht eine sinnvolle Anpassung von Förderinstrumenten und Budgets der Kulturförderung an die Entwicklung der freien Kulturszene vor.

Zudem hat sich insgesamt in unserer Kommunalpolitik bezüglich der Anerkennung und Wahrnehmung der Kultur und Kreativwirtschaft viel getan. Die Wirtschaftsförderung ist entsprechend ausgestaltet worden, die Kreativraumförderung verstetigt. In der Vergangenheit jedoch, und das kritisiere ich, wurde der Fokus der Förderung von Kultur und Kreativwirtschaft stetig stärker auf die Kreativwirtschaft gesetzt, also auf Aspekte wie Dienstleistungen, Produktentwicklung, Unternehmertum,
Arbeitsplätze, Gewerbesteuern.

DNN: Klassische Wirtschaftsförderung also.
TR: Genau – und das ist ja grundsätzlich auch nicht verkehrt. Aber was in der Förderung zunehmend aus dem Blick gerät, sind die Themen der intrinsisch motivierten Kunst und Kultur. Hier sehen wir zukünftig eine Menge Gestaltungs- und Investitionsbedarf. Und so fehlt es immer noch an einem ausreichenden politischen Handeln bezüglich Atelier- und Probenräumen, insbesondere für die Musik und die Bildende Kunst in Dresden.
Die Trennung zwischen Kultur und Kreativwirtschaft ist nicht nur, aber eben auch in Dresden immer stärker aufgehoben worden. Gerade in der Pandemie, als Freizeit- und Kultureinrichtungen im Rahmen von Schließungsverordnungen auf eine Ebene gestellt wurden, hat sich das überdeutlich gezeigt. Dies berücksichtigt jedoch nicht, dass es sich dabei um zwei Branchen mit ganz unterschiedlichen Zielen, Aufgabenstellungen sowie Arbeitsprozessen und Rahmenbedingungen handelt.

DNN: Wie ist das zukünftige Stadtoberhaupt hier gefordert?
TR: Vor allem geht es darum, die Bedeutung von Kunst und Kultur für eine Stadtgesellschaft zu verstehen und dieses Verständnis in politisches Handeln zu integrieren. So kommen dann auch Themenfelder wie Verkehrswende, Nachhaltigkeit, Klimaneutralität oder die neuen Fragen unserer
Energieversorgung ins Spiel. Schließlich haben sich Künstler und Kreative schon immer mit Veränderungsprozessen beschäftigt und arbeiten kollaborativ. Sie können in solche stadtgesellschaftlichen Prozesse viel stärker eingebunden werden. Da ist in Dresden deutlich Luft nach oben. Hier holt sich die Stadt anfangs zwar oft Input, aber der spätere Austausch zu den Themen kann und muss klar besser werden.

DNN: Gibt es da Beispiele?
TR: Nehmen wir den aktuellen Kulturentwicklungsplan der Stadt. Da gab es zu Beginn auch Einbindungen der freien Szene. Gespräche wurden geführt, Eingaben wurden gemacht, dann entschied sich jedoch auf anderen Ebenen, was nun final drinsteht und was nicht. Ein weiterer oder fortführender Dialog war in diesem Prozess nicht vorgesehen. Auch im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung 2025 (Dresden scheiterte 2019 in der ersten Runde, T.K.) verlief es nach dem gleichen Muster. Die große Überschrift damals war „Partizipation und Beteiligung“. Was dabei rauskam, war dramatisch muss man sagen. Trotz großem Engagement bei der inhaltlichen Ausrichtung, mit zahlreichen Projektvorschlägen seitens der Kulturszene und der Stadtgesellschaft insgesamt, entstand daraus eine Bewerbung mit Kunst und Kultur als Vehikel einer Strategie fürs Stadtmarketing.

Jüngstes Beispiel ist dann der Alte Leipziger Bahnhof. Dort gibt es einen Beteiligungsprozess, aber dafür viel zu kleine Zeitfenster der Rückkopplung in eine breitere Stadtgesellschaft. Man hat die Fläche lange vor sich hinvegetieren lassen, und nun muss alles plötzlich ganz schnell gehen. Die dort seit Jahren angesiedelten Atelier- und Kunstorte Hanse 3 und Blaue
Fabrik nicht nur zu erhalten, sondern als maßgeblichen Impulsgeber für die weitere Entwicklung des nord-östlichen Bereichs des Areals zu setzen, ist wesentlich. Die Stadt muss mehr und bessere Möglichkeiten bieten, Leute mittun zu lassen. Das gelingt nicht so gut – und das ist frustrierend.

DNN: „Starke Wirtschaft“ ist das Mantra des amtierenden OB. Mir fehlt aber eine Idee – von Vision gar nicht zu reden -, wo diese Stadt in ihrer Selbstwahrnehmung hin will. Stichwörter: Stadtteile, Ghettoisierung, Gentrifizierung, soziale Durchmischung. Wenn ich schaue, wo welche Baulücken in Dresden wie geschlossen werden, steigt mein Puls. Ich sehe oft eine phantasielose Zukleisterung von Stadt und öffentlichem Raum. Für eine freie Kulturszene bleibt so natürlich ebenfalls kein Spot übrig. Und Potenzial wird in Dresden ganz oft rein monetär verstanden.
TR: Diese Politik ist überholt, davon müssen wir uns einfach verabschieden. Politischer Wille zur Transformation lässt sich auch daran festmachen, welche Bereitschaft da ist, bezahlbare Atelier- und Arbeitsräume für Kultur und Kreativwirtschaft zu halten oder zu schaffen. Da sind wir in Dresden ganz weit hinten. Bis vor ein paar Jahren gab es immer noch ein paar Räume und
Leerstände, da kümmerten sich die Künstler selbst. Aber der Zug ist lange abgefahren, die Kommune muss sich engagieren.

Jetzt ist ein grundlegendes Umdenken notwendig, in dem Kunst und Kultur nicht als Solitär neben der Stadtgesellschaft stehen. Sie müssen mitten in die elementaren gesellschaftlichen Prozesse eingebunden sein. Das haben wir in den letzten Jahren nicht geschafft, das muss man so festhalten.

DNN: Wo klemmt es denn genau?
TR: Ich denke, es klemmt daran, dass zum einen Beteiligung und Partizipation professionalisierter umgesetzt werden müssen. Dann brauchen die Entscheidungsträger in der Verwaltung die notwendige politische Unterstützung für solche Prozesse, deren Ausgang zu Beginn noch unklar und offen ist. Womöglich existiert auch eine gewisse Furcht in den
Verwaltungsstrukturen vor Mehrarbeit.

DNN: Heißt, die Verwaltung bleibt lieber unter sich?
Das heißt, dass die Verwaltung vielleicht mit ihrer aktuellen Personalausstattung hier überfordert ist. Auch diese Strukturen müssten verbessert werden. Der große Wunsch der Kunst- und Kulturschaffenden in Dresden ist jedenfalls der nach Teilhabe auf Augenhöhe. Für die Stadt hieße das, diese Leute vollumfänglich einzubinden und sie nicht irgendwo Konzepte stricken zu lassen, um Inputs zu liefern und sie dann auf halber Strecke zurückzulassen.

Vieles steht und fällt damit, ob man die Kultur-Akteure als essenziell wichtig für die Stadtentwicklung sieht. Entsprechende Teilhabe müsste der OB dann über die Fachbereiche des Rathauses einfordern. Eine Vielzahl an künstlerischer Arbeit geschieht in Selbstausbeutung. Grundlage für Teilhabe der Kulturschaffenden ist jedoch, dass sie nicht permanent um ihre wirtschaftliche Existenz bangen müssen, um sich überhaupt in solche Prozesse einbringen zu können. Applaus ist keine Währung. Sowohl die vom Kulturamt auf den Weg gebrachte „Charta der Nachhaltigkeit im Kultursektor“, die unter anderem soziale Nachhaltigkeit als Zielmarke setzt, wie auch die neu gestaltete Kulturförderrichtlinie sind wichtige Vorgaben, um eine faire Bezahlung im Kulturbereich zu erreichen. Ein zukünftiger OB sollte das erkennen und seinerseits entsprechende Vorgaben machen, um die von Verwaltung und Stadtrat richtigen und wichtigen Ansprüche des
Kultursektors in die Haushaltsplanungen einfließen zu lassen.

DNN: Eine Richtlinie ist aber wenig verbindlich.
Realistisch wäre es deshalb, sich Zielmarken zu setzen. Also nicht zu sagen, das wäre schön, aber wir haben das Geld nicht und verharren im Stillstand. Sondern zu sagen: Wir haben es jetzt nicht, aber verpflichten uns verbindlich über Entwicklungsschritte, in ein paar Jahren einen bestimmten Status zu erreichen. Da würde ich ein Stadtoberhaupt in der Pflicht sehen. Dass bei einem konstanten Kulturhaushalt und aufgrund steigender Personalkosten von Tariflöhnen in kommunalen Häusern Mittelkürzungen bei der freien Szene die Folge wären, hielte ich für eine grundfalsche und fatale Entwicklung.

DNN: Die jüngsten Entwicklungen wie der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Mehrausgaben, auch für Kommunen, bieten natürlich generell ein gutes Gegenargument. Erst mal den Gürtel enger schnallen…
TR: Klar wird das kommen. Da sind wir dann wieder beim Thema, an welcher Stelle gespart werden soll. Da kommunale Ausgaben für Kunst und Kultur eben Investitionen in die Entwicklung und Transformationsfähigkeit unserer Stadtgesellschaft sind und nicht bloß Kosten für die „schönen Künste“, sollte nicht da gespart werden, wo der Gürtel ohnehin schon zu eng ist.

Da haben wir noch gar nicht von der sogenannten Subkultur gesprochen. Wie sieht es denn dort aus?
Wie haben ja zum Glück eine ganz starke Subkultur in der Stadt, die wohl auch aufgrund einer bürgerlichen Verkrustung sehr lebendig ist. Den Akteuren entsprechende Räume, Freiräume anzubieten, auch sie stärker zu fördern und zu unterstützen, bleibt ein Dauerthema. Und apropos Raum: Die Robotron-Kantine soll die Stadt als Ausstellungsort sichern, aus der Interimsnutzung durch das Kunsthaus heraus eine Dauernutzung ermöglichen. Die Stadt braucht das Kunsthaus und das Kunsthaus die Stadt. Genau an diesem Ort.

Interview DNN, 09.06.2022: Torsten Klaus

Applaus_ist_keine_Währung

Call for participation: Intercultural Days

32nd Intercultural Days in Dresden from September 18 to October 9, 2022

Dear members,

the Intercultural Days in Dresden are an established format in which people from a wide variety of cultures come together to celebrate diversity.
The Künstlerbund Dresden participated in 2021 with a solo exhibition „Das Warten auf Leben“ by the artist Moussa Mbarek, who fled from Libya, and would like to participate in the Intercultural Days again this year with a program item at the office.

This year’s motto of the Intercultural Days is „Dresden. Gemeinsam. Gestalten.“ and is divided into different focal points. On the topic of „Giving migration stories a voice“, the KBD would like to explicitly invite members with just these stories to participate in a joint exhibition from September 15 to October 11 at the office.

So if you want to tell your story on the topic of „migration“ with a picture, video or even a performance, we ask you to register by June 12 so that we can plan all further details in time.

An integral part of the Intercultural Days is also the Intercultural Street Festival, which will take place on September 24, not far from the office on Jorge-Gomondai-Platz (at Albertplatz).
Following the street festival, we would like to offer the opportunity to get together at the office to exchange ideas about artistic creation in a wide variety of cultural contexts.

We are open to this and welcome suggestions on how we can organize this afternoon together!

Please contact us at: martina.remlinger@kuenstlerbund-dresden.de or 0351/8015516

Aufruf für Mitglieder: Interkulturelle Tage

 Vom 18. September bis zum 9. September Oktober 2022 finden die 32. Interkulturelle Tage in Dresden statt.

Liebe Mitglieder,

die Interkulturellen Tage in Dresden sind ein etabliertes Format, in denen Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammenkommen und gemeinsam Vielfalt feiern.

Der Künstlerbund Dresden beteiligte sich 2021 mit einer Soloausstellung „Das Warten auf Leben“ des aus Libyen geflüchteten Künstlers Moussa Mbarek und möchte auch dieses Jahr gern wieder mit einem Programmpunkt in der Geschäftsstelle  teilnehmen.

Das diesjährige Motto der Interkulturellen Tage lautet Dresden. Gemeinsam. Gestalten. und teilt sich in verschiedene Schwerpunkte auf. Zum Thema Migrationsgeschichten eine Stimme geben möchte der KBD explizit Mitglieder mit eben diesen Geschichten einladen, an einer Gemeinschaftsausstellung vom 15. September bis 11. Oktober in der Geschäftsstelle teilzunehmen.

Wenn Sie also Ihre Geschichte zum Thema „Migration“ mit einem Bild, Video oder auch einer Performance erzählen wollen, bitten wir bis zum 12. Juni um Anmeldung, damit wir rechtzeitig alle weiteren Details planen können.

Ein fester Bestandteil der Interkulturellen Tage ist auch das Interkulturelle Straßenfest, das am 24. September, nicht weit von der Geschäftsstelle auf dem Jorge-Gomondai-Platz (am Albertplatz) stattfinden wird.
Wir möchten im Anschluss an das Straßenfest die Möglichkeit bieten, in der Geschäftsstelle zusammenzukommen, um sich über das künstlerische Schaffen in unterschiedlichsten kulturellen Kontexten auszutauschen.

Hierfür sind wir offen und freuen uns über Vorschläge wie wir diesen Nachmittag gemeinsam gestalten können!

Bitte kontaktiert uns
per Mail:  martina.remlinger@kuenstlerbund-dresden.de
oder telefonisch: 0351/8015516

 

Dresden ist mein Standort

Svea Duwe hat gerade den Förderpreis der Landeshauptstadt Dresden bekommen. Mit uns spricht sie über ihre künstlerische Herkunft, über Liebgewonnenes und auch über ihre Motivation, sich im Künstlerbund zu engagieren.

KBD: Svea, die Stadt Dresden hat gerade neben dem Kunst- auch zwei Förderpreise vergeben. Einen davon hast du bekommen – Gratulation!

Svea Duwe: Das ist wirklich eine Würdigung, die mich sehr gerührt und geehrt hat. Das Schöne am Förderpreis ist für mich, dass sich darin der Wunsch der Stadt ausdrückt, dass ich meine Arbeit hier fortführe. Und mich darin unterstützen zu wollen, ist ein tolles Signal, das zum richtigen Zeitpunkt kommt.

KBD: Die Jury der Stadt hat insbesondere dein spartenübergreifendes Arbeiten beeindruckt. Bevor du vor 21 Jahren nach Dresden gekommen bist, hast du in Bonn zunächst Klassische Bildhauerei studiert.

SD: Ja, ich habe tatsächlich gelernt, Stein zu meißeln, Holz zu bearbeiten, alles was dazu gehört. Ich habe aber schon vor dem Studium ein Jahr am Theater gearbeitet und mich auch mit der Frage getragen, ob ich Bühnenbild studieren möchte. An der Dresdner Hochschule hat mich angesprochen, dass es hier auch den professionellen Theaterbereich mit Bühnenbild und den Werkstätten gibt, und dass das verknüpft ist mit dem künstlerischen Studium. Als ich das las, klopfte mein Herz! Da war klar, ich muss nach Dresden. Während des Studiums habe ich dann tatsächlich viele theoretische Seminare bei den Theaterwissenschaftlern gemacht.

KBD: Und du bist auch danach in Dresden geblieben. Wo viele nach dem Studium sagen, ich gehe nach Berlin. Was ließ dich bleiben?

SD: Für mich war es ehrlich gesagt nie ein Impuls, wegzugehen. Schon während des Studiums habe ich so viele Freunde hier gefunden, die hauptsächlich auch aus Dresden gebürtig sind. Ich habe eine tolle Szene kennengelernt, viele Menschen, die aus einer inneren kulturellen Motivation heraus Wohnzimmerkonzerte organisiert haben, eigene Ausstellungen. Ich habe diese Szene so liebgewonnen, dass ich überhaupt gar nicht das Bedürfnis hatte, mich nochmal umzupflanzen. Außerdem habe ich mir viel aufgebaut, habe Ateliers gefunden und bin mehrmals umgezogen. Aber all diese Orte, sei es der 7. Stock, die Lößnitzstraße und jetzt das Zentralwerk, sind wichtige soziale Geflechte. Und das ist mir sehr viel wert. Das ist eine Qualität, die man auch nicht so einfach in anderen Städten findet. Deshalb hier ist mein Standort, von hier aus möchte ich ausschwärmen.

KBD: Wo zieht es dich aktuell hin?

SD: Im Moment schwerpunktmäßig nach Chemnitz. Dort bin ich noch in diesem Jahr eingeladen bei einem Festival mitzumachen, dass sich auch an der Schnittstelle der Darstellenden Künste zur Bildenden Kunst bewegt. Ich kann dafür eine Installation realisieren, die schon ganz lange ansteht und die einerseits Rauminstallation ist, aber auch eine performative Aktivierung erfährt. Das wird dort an zwei Tagen uraufgeführt. Außerdem möchte ich gern im Ruhrgebiet arbeiten, das ja ein spannendes Transformationsgebiet ist. Das ist auch, was mich an Dresden interessiert hat als ich hier 2001 ankam.

KBD: Zehn Jahre nach der Wende war noch ungeheuer viel im Umbruch. Haben sich Strukturen hier inzwischen verfestigt?

SW: Ja, es ist fast nicht mehr möglich, herausragende Orte wie wir sie damals bspw. mit dem 7. Stock gefunden haben, für kulturelle Zwecke zu nutzen. Und das für einen Appel und ein Ei. Die freie Szene hat sich da in gewisser Weise institutionalisiert mit dem Zentralwerk und der Geh 8, aber nicht jeder ist in der Lage die Miete dafür aufzubringen. Es ist viel schwieriger geworden, selbst organisierte Ausstellungen zu schaffen. Das ist spürbar und hier muss die Stadt aufpassen, dass sie sich ihre Subkultur bewahrt. Denn Menschen, die aus sich heraus etwas schaffen, das ist eine Qualität, die eine Stadt einzigartig macht.

Ansonsten ist Dresden für mich immer noch ein ganz großartiger Standort als Künstlerin. Gerade im Zentralwerk, wo ich mein Atelier habe, leben wir das Interdisziplinäre. Hier kommen Künstler:innen, Architekten, Sound-Künstler, Lichttechniker und Theaterschaffende zusammen. Ich habe eine Tür, die ich zumachen kann, und gleichzeitig finde ich drei Türen weiter einen Beleuchter, wenn ich ein Video machen möchte. Das liebe ich an diesem Standort. Das ist großartig und nicht so einfach in anderen Städten zu etablieren. Auch dadurch fühle ich mich hier verwurzelt.

KBD: Neben unterschiedlichen Techniken experimentierst du mit unterschiedlichsten Materialien. Was bedeutet das Experiment für dich?

Das Experiment entsteht immer aus einer bestimmten Fragestellung heraus. Bei meiner Arbeit ist es so, dass Themen, die mich sehr stark bewegen, oft gesellschaftlich virulente Themen sind. Dafür suche ich eine künstlerische Form. Das kann dann in einer Skulptur münden, in einem Video, einer Installation oder einer Inszenierung. Beim Material spielt eine Rolle, was es von sich aus erzählen kann. Aktuell arbeite ich unter anderem mit Haar, das ich mit einem anderen Naturmaterial, mit Hautleim verbinde. Raus gekommen ist ein festes Material, das etwas Knochenartiges und auch Gruseliges hat.

KBD: Du machst keine Konzeptkunst, das ist hier auch wieder spürbar. Deine Arbeit ist sehr sinnlich. Dabei weckst du beim Betrachter Gefühle, die auch unangenehm sein können.

SD: Wie fühlt sich der Betrachter dabei? Wie ist er eingebunden? Das sind für mich tatsächlich ganz wichtige Fragen. Es geht nicht um ein reines Gedankenkonstrukt. Im Grunde geht es um Paradoxien, um Widersprüche, in denen wir uns zunehmend mehr befinden. Jetzt, wo die Politik sich selbst die Wahrheit in Abrede stellt, spitzt sich das zu. Die Bedeutung von Wörtern wird in Frage gestellt, alle Sicherheiten werden in Frage gestellt und aufgelöst.

Wenn ich mich mit Widersprüchen beschäftige und dafür Formen finde, heißt das Arbeiten zu schaffen, die die Thematik nicht auf einen Punkt reduzieren, sondern ein Spannungsfeld herstellen. Für den gewillten Betrachter eröffnet das, in mehrere Richtungen zu denken und zu diskutieren. Das Potenzial der Kunst, Unruhe hervorzurufen, das liebe ich sehr.

KBD: Seit letztem Jahr bist du Mitglied im Künstlerbund Dresden. Warum hast du dich dafür entschieden?

SD: Für mich gab es lange keinen Beweggrund einzutreten. Aber durch mein Engagement im Kulturbeirat und in manchen Fachgremien der Stadt habe ich gemerkt, wie notwendig es ist, dass wir Bildenden Künstler uns eine gemeinsame Stimme schaffen. Wir werden vor allem als eine Gemeinschaft von Individualisten, von Einzelkämpfern gesehen, wogegen an sich nichts einzuwenden ist. Aber im kulturpolitischen Kontext ist das eine Schwäche – wir werden gegenüber anderen Kulturbereichen zu wenig wahrgenommen und müssen eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Standing finden. Und statt jetzt selbst eine neue Initiative zu gründen, dachte ich, nein, es gibt ja schon diese große Interessenvertretung. Und so bin ich eingetreten!

Interview: Christine Gruler

Foto: Zoltán Tanczik

 

IV. Internationale Malerei Biennale 2022 Hamburg

Im Rahmen der im Frühjahr 2023 in Hamburg statt findenden IV. Internationale Malerei Biennale zum Thema „Umwelt im Ökologiediskurs: Sonne – Quell des Lebens“ sind nationale und internationale professionelle Künstler:innen eingeladen, sich mit einem Kunstwerk in den Techniken Acryl, Aquarell, Gouache, Öl, Tempera oder Zeichnung, zum vorgegebenen Thema zu bewerben.

Der mit 2.500 Euro dotierte Preis wird von einem Hamburger Unternehmen/Institution gestiftet.

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BEWERBUNGSENDE: 31. Dezember 2022

Kahnweiler-Preis 2022 für Arbeiten auf Papier

Die Daniel-Henry Kahnweiler-Stiftung schreibt den Kahnweiler-Preis 2022 für den Bereich Arbeiten auf Papier aus, der mit 10. 000 € dotiert ist. Die Preisverleihung ist mit einer Ausstellung verbunden.

Teilnahmeberechtigt sind Absolvent:innen einer Kunsthochschule bzw. einer Kunstakademie, Mitglieder eines Berufsverbandes bildende:r Künstler:innen, die eine abgeschlossene Ausbildung an einer Kunstschule, eine Ausstellungs- oder Publikationspraxis oder eine kontinuierliche Beschäftigung mit bildnerischer Gestaltung aufweisen können. Einzureichen sind im ersten Schritt Fotografien von maximal 3 Arbeiten der Künstler:innen, deren Qualität eine Beurteilung der dargestellten Arbeiten zulässt. Fotos, konventionell auf Papieren, dürfen inkl. Passepartouts maximal 24 x 30 cm umfassen. Sofern 3 Arbeiten eingereicht werden, kann die Jury jeweils eine Auswahl treffen.

Abgabetermin der Fotografien für die erste Jurierungsrunde ist der 01.09.2022. Für die zweite Jurierung (Originale wird der Abgabezeitraum für 01. bis 04.11.2022 festgelegt.

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Künstlerstipendium für viermonatige Residenz in Frankreich

Die Goethe-Institute Nancy und Strasbourg und das Bureau des arts plastiques des Instituts français Deutschland in Berlin fordern Kulturschaffende auf, sich für das deutsch-französische Residenzprogramm für Künstler:innen zu bewerben. Das Projekt „ALLER & ZURÜCK“ richtet sich an künstlerisch Tätige, die am Anfang ihrer Karriere stehen und mindestens 25 Jahre alt sind. Ihr Schaffensgebiet sollten die bildenden Künste sein: Malerei, Zeichnen, Fotografie, Grafik, Video, Bildhauerei und Installation.

Die Ausschreibung für eine viermonatige Residenz im Künstlerhaus in Mulhouse (September – Dezember 2022) für eine*n Künstler*in aus Berlin, Brandenburg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt ist gerade veröffentlicht.

Bewerbungen sind bis zum 31. Mai möglich

AZ – Aller & Zurück – Goethe-Institut Frankreich

Svea Duwe überschreitet Spartengrenzen

Interdisziplinäres Arbeiten ist der Bildhauerin Svea Duwe seit jeher vertraut. Schon während ihres Studiums an der HfBK Dresden wagte sie sich weit vor ins Terrain einer spartenübergreifenden Kunst. Die Landeshauptstadt Dresden würdigt sie genau dafür mit dem diesjährigen Förderpreis.

Zu Svea Duwes künstlerischem Repertoire gehören Installationen, performative Videoarbeiten, szenische Raumkonstruktionen und skulpturale Bewegungen im öffentlichen Raum, genauso wie Fotografien, Grafiken, Plastiken und Kostüme. Dass sie sich dabei als Künstlerin „der Erfahrung von Unwägbarkeiten und Experimenten aussetzt“, hat die Jury der Stadt überzeugt. Immer wieder, so heißt es in der Begründung weiter, fordere sie uns aufs Neue heraus, eigene Haltungen und Sichtweisen zu hinterfragen.

Wir freuen uns mit Svea, die seit letztem Jahr auch unser Mitglied ist und gratulieren! Zu unserem Interview mit Svea Duwe.

Förderpreis Landeshauptstadt Dresden

Foto: René Zieger

Bomben treffen Zivilisten

 

Bomben treffen Zivilisten – so lautet der Titel des Plakats, das der Dresdner Grafiker Bernd Hanke mit dem Datum des 24.02.2022 signiert hat. Zwei Monate wütet der Krieg in der Ukraine jetzt schon.

Hanke, der auch das Logo des Künstlerbundes Dresden entworfen hat, ist mit diesem und einem weiteren bereits von ihm bekannten Plakat jetzt in Japan zu sehen. Für letzteres, „Der dritte Weltkrieg hat keinen Namen“, hat er nur die vorher schwarzen Streifen farblich an die Nationalfarben der Ukraine angepasst. Er sagt: „Ich bin selbst erschrocken, dass dieses Thema wieder aktuell ist.“

Das Ogaki Poster Museum beherbergt mehr als 10.000 internationale Plakate und hat Hanke und weltweit weitere Plakatkünstler:innen um einen Beitrag gebeten.